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3. iga-Expertendialog: Arbeiten aus dem Koffer: Macht Mobilität krank? – neue Forschungsergebnisse zu Mobilität und Gesundheit

Teilnehmer des dritten iga-Expertendialogs zu Mobilität und Arbeitswelt

Das Thema Mobilität ist in aller Munde. Und jeder geht davon aus, dass zum einen die Mobilität zugenommen hat und dass sie zum anderen mit gesundheitlichen Auswirkungen für die Betroffenen verbunden ist. Bisher sind genau diese Fragen wissenschaftlich aber kaum erforscht. Dies gilt auch für den Themenkomplex "Mobilität und Prävention für die Arbeitswelt".

Deshalb hat iga drei Experten für Mobilität zum Expertendialog eingeladen: Professor Dr. Norbert F. Schneider, Silvia Ruppenthal und Heiko Rüger vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). In zwei Veranstaltungstagen setzten sie die Präventionsexperten aus Kranken- und Unfallversicherung ins Bild, welche Forschungsergebnisse in ihrem Arbeitsgebiet aktuell vorliegen. Im Anschluss diskutierte man zu Ansätzen und Maßnahmen der Prävention im Betrieb.

Die Hälfte der Beschäftigten hat Erfahrungen mit Mobilität

Etwa jeder fünfte deutsche Erwerbstätige (19 Prozent) ist derzeit mobil (Zahlen aus der Studie Job Mobilities and Family Lives in Europe). Zusätzlich war jeder Dritte (31 Prozent) in den letzten drei Jahren mobil. Dabei werden verschiedene Formen von Mobilität unterschieden.

  • "Zirkuläre Mobilität" macht einen Anteil von zwei Drittel an der Gesamtmobilität in Deutschland aus. Dazu zählen Fernpendler (mehr als eine Stunde Fahrzeit pro Strecke), Wochenendpendler, Dienstreisende (mehr als 60 Übernachtungen im Jahr) oder Vari-Mobile (z.B. Personen mit längeren, unregelmäßigen Abwesenheiten von Zuhause, wie Beschäftigte auf Montage, Saisonarbeiter etc.). Am weitesten verbreitet ist dabei das Fernpendeln, die längere tägliche An- und Abfahrt zum Arbeitsplatz.
  • "Residenzielle Mobilität" macht das restliche Drittel der Mobilitätserfahrungen in Deutschland aus. Diese Mobilitätsform umfasst Umzug (mehr als 50 km vom Ausgangsort entfernt), Migration oder Auslandsentsendung.

Der Erhebung lagen insgesamt hohe Kriterien zugrunde, um die benannten Auswirkungen der Betroffenen besser bewerten zu können.

Hat die Mobilität zugenommen?

Indikatoren weisen darauf hin, dass die Mobilität seit den 1960er und 1970er Jahren zugenommen hat. So benennen jüngere Befragte häufiger Mobilitätserfahrungen als Befragte der mittleren oder höheren Altersgruppen. Streng empirisch ist eine zunehmende Mobilität momentan aber noch unbewiesen. Es fehlen Längsschnittstudien oder Vergleichswerte aus früheren Zeiten. Und sie ist insgesamt auch keine neue "Erfindung": Berufliche Mobilität gab es schon immer, z.B. die Urbanisierung im 19. Jahrhundert, als viele Menschen vom Lande in die Stadt zogen.

Mobilität ist in verschiedenen Bevölkerungsgruppen unterschiedlich stark ausgeprägt. Akademiker sind z.B. 17 Mal umzugsmobiler als andere Gruppen. Frauen sind mobiler als Männer, aber nur bis sie Kinder haben.

Chance, Notwendigkeit oder Zwang?

Die verschiedenen Mobilitätsformen führen zu unterschiedlichen Einschätzungen der Betroffenen.

Viele Fernpendler sehen ihre Mobilität als Lebensstil auf Dauer, während Wochenendpendler häufiger eine Lösung auf Zeit benennen. Fernpendler geben am häufigsten die Notwendigkeit an, fast jeder Fünfte nennt aber auch den Zwang, mobil zu sein.

Wochenendpendler oder Umzugsmobile stellen die Chance in den Vordergrund. Menschen in mobilen Berufen, mit vielen Dienstreisen und Umziehende sehen Mobilität positiver als Fern- und Wochenendpendler.

Mobilitätserwartungen und -kompetenzen

Unsere Gesellschaft hat insgesamt hohe Mobilitätserwartungen. So wird erwartet, dass man für einen neuen Job umzieht und geschäftliche Termine außerhalb der eigenen Stadt wahrnimmt. Viele Mobile sind darauf eingestellt: Vier von fünf mobilen Befragten sagen, die Entscheidung für die Mobilität fiel ihnen leicht. Mehr als jedem Zweiten macht Mobilität sogar Spaß.

Jeder Siebte sagt jedoch, dass er die Entscheidung heute nicht mehr so treffen würde. Jeder Vierte fühlt sich nirgendwo richtig Zuhause. Jeder Fünfte will seine Mobilität im nächsten Jahr beenden.

Denn die Anforderungen des Mobilseins kann nur bewältigen, wer entsprechende Kompetenzen und Ressourcen mitbringt. Das beinhaltet z.B: die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und sich an andere Gegebenheiten anzupassen, Organisationsgeschick und Zeitmanagement sowie eine gute gesundheitliche Verfassung.

Wenn die Beschäftigten weniger gut ausgeprägte Mobilitätskompetenzen haben, können gesundheitliche Beeinträchtigungen, aber auch eingeschränkte Karrierechance oder geringere soziale Integration und Partizipation die Folgen sein.

Gesundheit und Wohlbefinden von mobilen Beschäftigten

Die verschiedenen mobilen Beschäftigten wurden nach ihrem allgemeinen Stresserleben, ihrem subjektiven Gesundheitszustand und ihren emotionalen Befindlichkeiten gefragt. Dabei wurde deutlich, dass positive Effekte eher Begleiterscheinungen von Mobilität sind, z.B. der Berufseinstieg in einer anderen Stadt. Insgesamt schneiden Mobile gegenüber Erwerbstätigen ohne Mobilitätserfahrungen schlechter ab.

Besonders stark belastet sind nach eigener Aussage Fernpendler und Umzugsmobile, die vor weniger als anderthalb Jahren umgezogen sind. In einigen Kategorien schneiden auch Multi-Mobile (hier vermischen sich verschiedene Mobilitätsformen) und Übernachter/Overnighter (Dienstreisende und Vari-Mobile) schlechter ab.

In Befragungen geben etwa Pendler an, häufiger von Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Rückenbeschwerden betroffen zu sein. Vorsorge oder Sport werden wegen der fehlenden Zeit vernachlässigt. Dazu können Stoffwechselerkrankungen durch falsche Ernährung kommen. Burn-out tritt besonders bei Mobilen ohne Freundeskreis auf.

Die ebenfalls befragten Partner von mobilen Menschen sagen übrigens, dass sie in ähnlichem Maße wie die Betroffenen selbst belastet sind. Besonders ausgeprägt ist dies bei Wochenendpendlern, Dienstreisenden und Vari-Mobilen.

Hinzu tritt aus Sicht der Forscher der "Healthy-Worker-Effekt", der ihrer Meinung nach auch im Zusammenhang mit Mobilität auftritt. Ihre These besagt, dass die Effekte von Mobilität insgesamt unterschätzt werden, weil es starke Selektionsprozesse gibt. Das heißt, wer weniger gesund und "robust" ist, stellt die Mobilität irgendwann ein.

Beim Fernpendeln ist dies anhand des Sozio-ökonomischen Panels nachgewiesen: In der Gruppe mit Beschäftigten, die in einem Jahr mehr als sechs Wochen krankheitsbedingt fehlen, geben im folgenden Jahr mehr Menschen ihre Mobilität auf als in der "gesünderen Gruppe".

Was beeinflusst die Folgen von Mobilität?

Welche Folgen Mobilität hat, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab. Die Merkmale der Mobilität selbst spielen dabei eine Rolle: Welche Form liegt vor, wie oft und wie lange ist man mobil?

So zeigt sich bei Fernpendlern, dass das Belastungsniveau ab einer Fahrzeit von 45 Minuten steigt und ab 60 Minuten noch einmal deutlich zunimmt. Wochenendpendler sind stärker belastet, wenn sie fünf statt drei oder vier Tage außerhalb arbeiten. Die Abfahrtzeit am Freitagnachmittag muss ebenfalls einbezogen werden: Wer um 12:00 Uhr losfährt, ist weniger belastet als der, der erst zu einem späteren Zeitpunkt die Arbeit beendet.

Jede Mobilitätsform zeigte dabei in der Befragung ganz unterschiedliche Auswirkungen auf Gesundheit, Wohlbefinden und Familie.

Dazu treten die Lebensumstände: Wie ist die Familiensituation, wie ist die Mobilität entstanden, wie ist der Arbeitsplatz beschaffen und wie das soziale Netzwerk angelegt?

Einen großen Raum nehmen aber auch die persönlichen Eigenschaften der mobilen Person und ihre Wahrnehmung ein. Hinzu kommt, ob man freiwillig oder erzwungen mobil ist.

Sind Menschen freiwillig "unterwegs", zeigen sich kaum Folgen für Gesundheit und Wohlbefinden. So stellt sich der eine auf das Pendeln ein, weil er durch den neuen Job in einer anderen Stadt einen Karrieresprung macht. Er schafft es zusätzlich, die Zeit im Zug bewusst für sich selbst zu nutzen.

Der andere erfährt, dass der Arbeitgeber in eine andere Region umzieht. Er beginnt zu pendeln, weil die Alternativen Umzug oder Arbeitslosigkeit untragbar erscheinen. Dies kann zu einer großen inneren Distanz zum Arbeitgeber und hohen Krankenständen führen.

Aus Sicht der Arbeitgeber, aber auch der Prävention ist es sinnvoll, die Betroffenen hier gut über Alternativen zu informieren und frühzeitig einzubeziehen.

Eine These besagt: Mehr Autonomie bei Mobilitätsentscheidungen führt dazu, dass Mobilität besser bewältigt wird. Deshalb ist es ebenso wichtig, ob die Anforderungen selbst gestaltet werden können: Kann man die Dienstreisen eigenständig planen? Ist es möglich, tageweise von Zuhause aus zu arbeiten oder kann dem Stress bei der Anfahrt durch Gleitzeit entgegengewirkt werden?

Zielgruppen für die Prävention

Diskutiert wurde auf der Veranstaltung, welche Gruppen sich für Präventionsmaßnahmen besonders eignen. Benannt wurden Vari-Mobile (mobile Berufe wie Monteure, LKW-Fahrer etc.) und Dienstreisende, weil die Mobilität hier die Arbeitszeit der Beschäftigten selbst betrifft. Zudem bieten sich als Zielgruppen auch Fern- und Wochenendpendler an, da sie hohe Belastungen angeben. Wichtig ist dabei, dass die Prävention für jede Art der mobilen Tätigkeit unterschiedlich gestaltet werden muss.

Mobilitätskompetenzen stärken

Nach einer umfangreichen Sammlung, welche Mobilitätskompetenzen man benötigt (siehe auch die Workshopergebnisse), wurde auch darauf eingegangen, wie man diese Kompetenzen fördern kann. Denn die Leistungsfähigkeit aller mobilen Beschäftigten ist im Interesse des Arbeitgebers.

Dabei sind vier Ebenen zu beachten: Wissen – Einstellungen – Verhalten – Ausstattung. Die Beispiele stellen eine Auswahl dar, die zum Teil auch anderen Ebenen zugeordnet werden könnten:

Wissen

  • Einrichten von Informationssystemen, z.B. für die Buchung von Dienstreisen oder praktische orts- oder länderspezifische Hinweise bei Standortverlagerung oder Auslandsentsendung
  • Organisieren eines Erfahrungsaustauschs, z.B. von Pendlern
  • Anbieten von Seminaren für neue Mitarbeiter, z.B. zum Thema "Was es alles bei Dienstreisen zu beachten gibt"
  • Aufzeigen von Handlungsalternativen und ihren Vor- und Nachteilen in Informationsveranstaltungen (z.B. bei Verlagerung eines Standorts)

Einstellungen

  • Nähe oder Distanz zu Mobilität beeinflussen die Folgen, daher Mobilitätsanforderungen bei der Personalauswahl im Bewerbungsgespräch oder bei Umstrukturierungen zum Thema machen, möglichst die Eignung prüfen
  • Autonomie dahingehend fördern, wie Dienstreisen durchgeführt werden oder ob sie auch ersetzt werden können
  • Chance auf Mobilitätserfahrungen, Heranführen und positive Mobilitätserlebnisse für "distanzierte" Mitarbeiter 
  • Anerkennung der Leistungen der Beschäftigten in Mitarbeitergesprächen bzw. wenn Probleme vorhanden sind, diese im gemeinsamen Gespräch zum Thema machen
  • Anti-Stress-Seminare

Verhalten

  • Mobilitätspaten, etwa der erfahrene Außendienstmitarbeiter oder bei Auslandsentsendungen Beschäftigte an den dortigen Standorten 
  • wenn möglich, flexible Gestaltung der Arbeitszeit und -orte
  • Anbieten von Gesundheitsvorsorge im Betrieb
  • Anbieten von Umzugshilfen in allen Formen
  • Abordnung auf Zeit, um den zukünftigen Arbeitsort zu "testen"
  • Betroffene ermuntern, eine Mischung aus Routine und Abwechslung herzustellen (Bahn und Auto abwechselnd nutzen)
  • im Gesundheitszirkel einbeziehen, Wünsche von Mitarbeitern berücksichtigen
  • Services am Arbeitsplatz sowohl z.B. Dienstreisen betreffend als auch gezielte Dienstleistungsangebote, um Stress zu reduzieren, z.B. Einkaufsservice, Transportdienste (solche Angebote können auch betriebsübergreifend organisiert werden)

Ausstattung

  • bessere Reisebedingungen
  • IT-Technik, um Reisezeiten – wenn gewünscht – besser zu nutzen 
  • Fahrerassistenzsysteme, um Unfälle zu vermeiden

In der Diskussion wurde als wichtig herausgestellt, dass viele Arbeitgeber gar nicht wissen, inwieweit ihre Beschäftigten mobil sind. Im Unternehmen sollte daher eine (vorsichtige) Bestandsaufnahme erfolgen, welche Mobilitätsanforderungen bei den Beschäftigten vorliegen, z.B. in einer anonymen Mitarbeiterbefragung.

Berücksichtigt werden muss, dass das Thema Mobilität recht sensibel ist, da viele Formen von Mobilität als private Entscheidung begriffen werden. Wenn es also konkret aufgegriffen wird, dann lieber vom Teamleiter im Mitarbeitergespräch als vom Geschäftsführer auf der Betriebsversammlung. Nicht alle Fernpendler wünschen sich nämlich, dass ihr Arbeitgeber von ihrem Pendeln weiß. Sie befürchten, dass sie als weniger leistungsfähig gelten könnten.

Auf der anderen Seite besteht aber auch die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers, z.B. bei Dienstreisenden, Außendienstmitarbeitern, Standortverlagerung oder Entsendung. Daher sind auch allgemein Hinweise der Geschäftsführung notwendig, wie mit Mobilität im Unternehmen umgegangen werden soll.

Konzepte für die Prävention müssen darüber hinaus die verschiedenen Zielgruppen, aber auch das Alter und die Lebensumstände der mobilen Mitarbeiter berücksichtigen.

Wie weiter?

Es kann mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass Mobilität gesundheitliche Auswirkungen hat. Die Belastung wird dabei von verschiedensten Faktoren beeinflusst. Genauere Erhebungen dazu stehen noch aus. So bald hier Ergebnisse vorliegen, müssen entsprechende Präventionsstrategien erarbeitet werden.

Mit der Prävention kann jedoch nicht gewartet werden, bis die Studien abgeschlossen sind. Ähnlich wie beim Thema "Psychische Gesundheit und Arbeitswelt", zu dem auch noch viele Fragen offen sind, muss man beginnen, Strategien zu entwickeln.

Mobilität – räumlich, geistig und körperlich – ist positiv zu sehen und etwas Wünschenswertes. Das Optimum muss für jeden Einzelnen individuell gefunden und gestaltet werden. Dabei gibt es in den Betrieben verschiedene Ansatzpunkte: etwa mit oben genannten Maßnahmen die Mobilitätskompetenzen zu steigern bzw. die Mobilitätsbelastungen zu minimieren.

Außerdem sollten sich Betriebe im Sinne einer Unternehmenskultur fragen, wie viel Mobilität überhaupt zumutbar ist und wie viel tatsächlich benötigt wird.

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Zu den Videos und Präsentationen der Veranstaltung

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