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2. iga-Expertendialog "Wie funktioniert unser Gehirn? - Folgerungen für die Arbeitswelt" - Kurzabriss

Wir haben wichtige Themen der Veranstaltungen hier für Sie zusammengefasst.

Das Gehirn ist kein Computerspeicher,...
Unser „Erlerntes“ – das schließt nicht nur das schulische Lernen, sondern die alltäglichen Erfahrungen ein – ist ein Netzwerk von gemeinsam aktiven Nervenzellen im Moment des Erlebens. Dabei mussten die Teilnehmer während des iga-Expertendialogs lernen, dass die Vorstellung, wir würden wie bei einem Computerspeicher die Erinnerung später 1:1 wieder „aufrufen“, falsch ist.

..., das Gehirn ist eher ein Parlament ohne Parteien.
Eher kann man sich die Nervenzelle wie einen Parlamentarier ohne Fraktionszwang vorstellen. Sie bildet „Koalitionen“ mit verschiedenen Nervenzellen (d.h., auch bei einer begrenzten Anzahl von Nervenzellen gibt es extrem viele Möglichkeiten zu „koalieren“). Wenn dann hinreichend viele Mitglieder einer „Koalition“ aktiviert werden, ist die Erinnerung gegenwärtig (die Grenze liegt etwa bei 30 bis 40 Prozent des Netzwerks). Erinnern ist also das „Wiederaktivieren“ des Netzwerkes, das während des Erlebens aktiv war.

Erinnern ist „Wiedererlernen“
Der „Erinnerungsspeicher“ verändert sich dabei, weil zum einen Nervenzellen aus der Koalition herausbrechen. Zum anderen treten neue aktive Nervenzellen im Moment des Abrufens zur „Koalition“ dazu. Man kann also auch sagen: Erinnern ist „Wiedererlernen“.

So wurden in Experimenten Studienteilnehmern „falsche“, wenn auch plausible Kindheitserinnerungen „eingepflanzt“. Den Testpersonen wurden acht richtige, vorher bei den Eltern erhobene Kindheitserinnerungen vorgetragen und zwei erfundene. Die beiden fiktiven Erlebnisse wurden so erzählt, dass sie durchaus hätten stattfinden können. Alle Testpersonen wussten beim ersten Interview, welche beiden Geschichten ausgedacht waren. In der zweiten Interviewrunde identifizierten dagegen einige, in der dritten Runde noch ein paar mehr Personen die fiktiven Begebenheiten als ihre eigenen Kindheitserinnerungen. Poinitiert sagte Max Frisch dazu: „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“

Übrigens wird eine „Koalition“ von Nervenzellen, also eine Erinnerung, um so fester, je öfter sie aktiviert wird. Das ist einer der Gründe, warum sich ältere Menschen häufig noch sehr gut an einprägsame Erlebnisse aus ihrer Jugend erinnern, während sie unmittelbar Gelerntes wieder vergessen.

Lernen und Erinnern kann man fördern...
... indem man viele Sinne anspricht
Für die Arbeitswelt bedeutet das: Lernen – etwa zu Themen des Arbeitsschutzes – ist ein aktiver Prozess. Dieser Prozess kann unterstützt werden, wenn viele Sinne angesprochen werden und so möglichst komplexe Neuronen-Netzwerke geschaffen werden. Denn ein reichhaltiges Netzwerk kann besser „gezündet“ werden, weil es mehrere Zugänge zum Erlernten gibt. Besondere Lernerlebnisse fördern den Lernprozess, etwa das Herausheben wichtiger Informationen, das Verbinden des Lernstoffes mit realen Objekten, ungewöhnlichen Handlungen oder Emotionen.

Günstig ist auch, in den gleichen oder ähnlichen Umgebungen zu lernen, in denen das Vermittelte auch benötigt wird, weil wir die gesamte Situation mit aufnehmen – Räumlichkeiten, Anwesende, Lärm, Nebengeräusche, Temperatur etc. In der gleichen Umgebung kann dann das Netzwerk besser reaktiviert werden.

... in dem man die Teilnehmer mitarbeiten lässt
Weil das Gehirn außerdem in der Lage ist, einen Sinn im Zusammenhang von vermeintlich unzusammenhängenden Teilstücken zu konstruieren, können beispielsweise Eselsbrücken helfen. Sinnvoll ist auch, die Schulungsteilnehmer Geschichten erfinden zu lassen, in dem sie selbst einen Zusammenhang herstellen: „Überlegen Sie sich eine Situation, in der das Vermittelte für Sie wichtig sein wird. Malen Sie sich diese Situation aus.“

Dabei sollte man Prioritäten setzen, denn auch wenn man es als Dozent anders wünscht, so sind doch nicht alle Inhalte gleich wichtig und können auch nicht alle behalten werden.

Auch bei schriftlichen Unterlagen ist zu berücksichtigen, dass sie am besten vor der Schulung ausgegeben werden und nicht schon alle Hinweise enthalten. So sind die Teilnehmer angehalten, selbst aktiv die Präsentationen zu ergänzen, was das Lernen fördert.

... wenn man das Erlernte testet
Es wird das am besten behalten, was immer wieder getestet und abgefragt wurde. Nach einmalig erfolgreichem Test das Gelernte „ad acta“ zu legen, wäre somit falsch.

Als Beispiel aus dem Arbeitsleben wäre das Verhalten bei einem Brand oder nach einem Unfall in einem Betrieb zu nennen. Wer sich nach einer Besprechung zu diesem Thema darauf verlässt, dass sich im Falle eines Falles schon alle richtig verhalten werden, liegt wahrscheinlich falsch damit. Das Wissen sollte regelmäßig reaktiviert und trainiert werden. Dabei bieten sich Probealarme oder nachgestellte Unfallsituationen an, in der Maßnahmen der Ersten Hilfe angewendet werden müssen. Dies wird in den Betrieben häufig schon so praktiziert.

...möglichst umgehend Rückmeldung gibt
Positive Rückmeldungen zu wünschenswertem Verhalten, etwa eine Belohnung in Form eines Lobs, sollte unmittelbar nach der Handlung erfolgen. Denn dann wird der Botenstoff Dopamin freigesetzt. Dadurch werden die vorangegangenen Handlungen verstärkt. Ein Lob zu einem späteren Zeitpunkt wirkt auch noch, weil man sich die Situation ins Gedächtnis zurückrufen kann, aber unmittelbar im Anschluss an die Handlungen ist die Wirkung größer.

... Belohnungen kreativ einsetzt
Wichtig ist an dieser Stelle auch zu wissen, dass Belohnung im Arbeitskontext nicht gleich Geld oder eine Beförderung sein muss, sondern auch ein Lob, eine Würdigung. Gerade für Präventionsthemen ist es interessant, die Fantasie spielen zu lassen und die Belohnungen individuell zu setzen. Denn Belohnung kann alles sein, was der Person in einem Gesundheitskurs, die vielleicht abnehmen will oder das Rauchen beenden möchte, Spaß macht, was sie liebt.

Aufgepasst werden sollte bei Belohnungen, damit nicht intrinsische Motivation durch extrinsische ersetzt wird. Ein Beispiel sind Experimente mit Kindern, die gerne malten (intrinsische Motivation). Wenn sie für ihre Malaktivitäten eine angekündigte Belohnung (extrinsische Motivation) erhielten, dann malten sie in der Folgezeit weniger im Vergleich zu Kindern, die unangekündigt belohnt wurden. Sie folgten also der Frage „Warum soll ich ohne Belohnung etwas machen, wenn ich auch etwas dafür bekommen kann?“ So wird die anfänglich existierende intrinsische Motivation vermindert. Materielle Belohnungen schaden der intrinsischen Motivation dabei stärker als symbolische Belohnungen wie ein Lob.

... für gute Stimmung sorgt
Positive Stimmungen sind gut für die Erinnerung. Sie erhöhen die Kreativität und verbessern die Gedächtnisleistung, weil bei positiver Stimmung vermehrt der Botenstoff Dopamin freigesetzt wird. Dieser schützt das Kurzzeitgedächtnis gegen Störreize und verstärkt die Einspeicherung. Bei guter Stimmung haben die Beschäftigten weniger Angst vor „Bestrafung“. Bestrafung kann in dem Zusammenhang bedeuten, dass der Chef sagt „Was ist das denn für ein Unsinn?“ Gut zu wissen: Gute Stimmung hat keine Nachteile!

Ein hoher Bestrafungsdruck schafft übrigens einen höheren Output bei Routineaufgaben, geht aber mit einem geringeren Output bei Aufgaben mit unklaren Routinen einher und führt dazu, dass Ansätze zu eigenständigen Lösungsprozessen wegfallen. Bei den heutigen Arbeitsanforderungen ist dies meist nicht zielführend, denn von den Mitarbeitern wird erwartet, dass sie mitdenken, kundenfreundlich und innovativ sind.

Zudem behindert Stress vor dem Lernen den Lernprozess. So hat er negative Auswirkungen auf die Lerngeschwindigkeit, das Erkennen von Zusammenhängen und die Erinnerungsleistung. Stress nach dem Lernen, etwa die Hand kurz in eiskaltes Wasser zu tauchen, zeigt sich in Experimenten übrigens als lernförderlich. Wie dies in der Praxis zur Anwendung kommen kann, bleibt offen.

Entscheidung für die Gesundheit
Wir treffen ununterbrochen Entscheidungen. Darunter sind auch viele, von denen wir wissen, dass sie nicht gut für uns sind. Das liegt daran, dass das Gehirn ausrechnet, wie der subjektive Belohnungswert ist. Dabei spielt der Faktor Zeit ein große Rolle. So fällt uns die Entscheidung zwischen einem Euro und zehn Euro leicht: Man würde auf jeden Fall die zehn Euro nehmen. Bei einer Entscheidung zwischen einem Euro, den man jetzt gleich erhält, und zehn Euro, die man in einem Monat bekommen soll, neigen viele Menschen dem einen Euro zu. Denn wer weiß schon, ob der Sponsor sich im nächsten Monat noch an das Versprechen erinnert.

Das gleiche Muster spielt sich ab, wenn es ums Abnehmen geht: Man weiß, dass man die Kartoffelchips besser nicht essen sollte, wenn man abnehmen möchte. Weil sich das Abnehmen aber über einen langen Zeitraum hinzieht und damit die Belohnung – nämlich schlank zu sein – in weite Ferne rückt, sind die Kartoffelchips die größere „Belohnung“, weil es sie gleich gibt. Man würde sich anders – nämlich gegen die Kartoffelchips – entscheiden, wenn man bereits morgen schlank sein würde. Für die Prävention heißt das, dass es sich lohnt, an Strategien zu arbeiten, die die Zukunft ins Heute holen, damit die gesundheitlich richtige Entscheidung getroffen wird.

Gefahren emotional greifbar machen
Mögliche Gefahren sind außerdem nicht affektiv verankert, sie werden also vom abstrakten Denken bestimmt – man leitet sich her, dass etwas gefährlich ist. So ist es weniger abstrakt, einmal schnell über die Gleise zu laufen, wenn man zur Kantine will. Dabei denkt man nicht daran, wie oft man schon gehört hat, dass es zu gefährlich ist. Denn man hat ja kein Wissen, keine Erinnerung daran, wie es sich „anfühlt“, vom Zug überrollt zu werden.

Affektiv gekoppeltes Wissen, Erfahrungen, mit emotionalen Situationen in Verbindung Gebrachtes, sind dagegen sehr wirkungsvoll. So wurde im Expertendialog ein Pilot mit dem Satz zitiert „Nichts hat mich mehr verändert, als mein erster Absturz im Simulator.“

Damit ist auch der Bogen zum Thema Lernen und Erinnern hergestellt, weil die Lernumgebung hier an die reale Umgebung, in der man das Gelernte auch einsetzen muss, anschließt.
   

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