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4. iga-Expertendialog: Psychisch erkrankte Mitarbeiter im Betrieb erkennen und Führungsverantwortung zeigen - weiterer Abriss und Präsentation

Wie können Unternehmen präventiv tätig werden?
Bei der Prävention psychischer Erkrankungen können Unternehmen eine wichtige Funktion einnehmen und sollten die Möglichkeiten im Interesse ihrer Mitarbeiter auch nutzen. Soll psychischen Erkrankungen vorgebeugt werden, ist es wichtig, im Unternehmen die Belastungen zu identifizieren, die ein Risiko für die psychische Gesundheit darstellen. Gesundheitsberichte, die bei den Krankenkassen angefordert werden können, Mitarbeiterbefragungen, die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen sowie auch die betriebsmedizinische Begutachtung können hier Hinweise liefern. Wurden relevante Belastungen zusammengetragen, müssen Maßnahmen abgeleitet werden, wie diese Belastungen reduziert werden können.

Hinweise auf psychische Erkrankungen bei Mitarbeitern
Keine der aufgeführten psychischen Erkrankungen verläuft zwingend chronisch. Deshalb ist es sehr wichtig, dass betroffene Mitarbeiter möglichst schnell Hilfe erhalten.

Weisen Mitarbeiter erste Anzeichen einer psychischen Erkrankung auf, sollten Führungskräfte daher möglichst schnell reagieren. Dabei müssen sie nicht in der Lage sein, einzelne psychische Erkrankungen genau zu diagnostizieren. Vielmehr sollten sie Hinweise erkennen und wissen, an welche Experten sie betroffene Mitarbeiter verweisen können.

Es hat sich dabei als hilfreich erwiesen, wenn Firmen über eine Sammlung relevanter Ansprechpartner verfügen, die sie dem Mitarbeiter an die Hand geben können. Einzelne Unternehmen haben auch Vereinbarungen mit lokalen Therapieeinrichtungen oder einzelnen Therapeuten getroffen, die den Betroffenen zeitnah Hilfe anbieten können. Zunehmend spielen für die Betreuung auch extern angebotene "Employee Assistance Programme (EAP)" eine Rolle. Die Anbieter solcher Programme unterstützen betroffene Mitarbeiter bei ihrer Suche nach einer adäquaten Behandlung. Diese Programme sollten aber nicht dazu führen, dass die psychische Belastungssituation im Unternehmen kein Thema mehr ist bzw. lediglich abgegeben wird.

Für Führungskräfte ist es häufig sehr schwierig, den Verdacht auf eine psychische Erkrankung gegenüber einem Mitarbeiter anzusprechen. Es wird empfohlen, bei einem solchen Gespräch nicht über die mögliche Erkrankung zu sprechen, sondern vor allem Veränderungen in der Arbeitsleistung zu thematisieren. Die meisten psychischen Erkrankungen gehen mit einer verminderten Arbeitsleistung einher. Nur Manie und Burnout sind zumindest zeitweise mit einer Steigerung der Arbeitsleistung verbunden, die aber langfristig nicht aufrechterhalten werden kann. Darum sollte auch ein stark erhöhtes Arbeitsengagement von Führungskräften hinterfragt werden. Weitere Hinweise können Konzentrationsschwierigkeiten, eine plötzliche Distanzierung von Kollegen oder auch Gereiztheit sein.

Im Gespräch sollte mit dem betroffenen Mitarbeiter vereinbart werden, wie mit diesen Veränderungen umgegangen werden kann. Die Führungskraft sollte dabei deutlich machen, dass sie vom Mitarbeiter auch eigene Anstrengungen einfordert.

Möglichkeiten der Therapie
Viele psychische Erkrankungen gelten heute als gut therapierbar. Dabei können medikamentöse Ansätze ebenso erfolgreich sein wie Psychotherapie oder auch sonstige Therapien (Lichttherapie, Schlafentzug, Psychoedukation). Als problematisch erweist sich aber, dass nach wissenschaftlichen Studien nur 25 Prozent aller Betroffenen eine Behandlung erhalten und häufig auch lange auf den Beginn warten müssen.

Eine Kooperation von Unternehmen mit lokalen Dienstleistern kann solche Wartezeiten verkürzen und ermöglicht es den betroffenen Mitarbeitern bei erfolgreichem Therapieverlauf relativ schnell wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren.

Aus Sicht der Experten wird das Thema Arbeit bisher zuwenig in den jeweiligen Therapiekonzepten mit den Erkrankten thematisiert und bearbeitet. Auch hier gibt es noch Verbesserungsbedarf.  

Wiedereingliederung psychisch erkrankter Mitarbeiter
Fallen Mitarbeiter wegen Krankheit für mehr als sechs Wochen aus, ist jedes Unternehmen verpflichtet, ein Wiedereingliederungsprogramm aufzulegen. Das gilt auch bei psychischen Erkrankungen. Häufig erfolgt eine solche Wiedereingliederung aber ohne eine ausreichende Abstimmung mit dem Betroffenen oder seinem behandelnden Arzt bzw. Therapeuten und berücksichtigt nicht die individuellen Bedürfnisse des Mitarbeiters. Dadurch steigt das Risiko für einen erneuten Ausfall.

Führungskräfte sollten in ihrem Unternehmen daher ein Vorgehen zur Wiedereingliederung erarbeiten. Von zentraler Bedeutung ist es dabei, dem Mitarbeiter zu signalisieren, dass man sich freut, dass er wieder bei der Arbeit ist und regelmäßig in Kontakt mit ihm zu treten, um die Fortschritte bei der Eingliederung zu prüfen. Die Dauer einer solchen Maßnahme liegt im Mittel bei zwei bis drei Monaten, sollte aber ebenfalls individuell abgestimmt werden.

Die individuellen Bedürfnisse bei der Wiedereingliederung wurden den Teilnehmern des Expertendialogs durch ein Gedankenexperiment vor Augen geführt. Dabei sollten sie überlegen, welche Veränderungen an einem Arbeitsplatz ihnen günstig erscheinen würden, wenn sie von Konzentrationsproblemen betroffen wären. Während einige Teilnehmer eine Arbeitszeitverkürzung oder -flexibilisierung für die wichtigste Maßnahme hielten, meinten andere, dass vor allem die Aufgabeninhalte angepasst werden sollten.

Führungskräfte dürfen die eigene Gesundheit nicht vernachlässigen
Häufig stellen Führungskräfte an sich selbst sehr hohe Ansprüche, die sie nur unter großem persönlichem Einsatz erfüllen können. Dadurch können sie selbst gefährdet sein, psychisch zu erkranken. Eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema psychische Erkrankungen im Unternehmen sollte deshalb auch eine intensive Selbstreflexion der Führungskräfte umfassen. Diese kann, muss aber nicht im Kreis mit anderen Führungskräften oder Mitarbeitern erfolgen.

Die Experten vom Centrum für Disease Management wiesen aber darauf hin, dass sich viele Führungskräfte mit einer solchen Selbstreflexion schwer tun und entsprechende Veranstaltungen eher selten besuchen. Es hat sich deshalb als günstiger erwiesen, das Thema in eine generelle Betrachtung zum Umgang mit psychischer Erkrankung im Unternehmen einzustreuen.

Angebote für Unternehmen
In einem ersten von zwei Workshops bei der Veranstaltung fanden sich die Experten der Kranken- und Unfallversicherungsträger in kleinen Gruppen zusammen, um bestehende Angebote zu diskutieren, auf die Unternehmen bereits zurückgreifen können, wenn sie Risikofaktoren für psychische Erkrankungen reduzieren oder Hinweise zum Umgang mit psychischen Erkrankungen gewinnen wollen.

Hier eine Auswahl der Aktivitäten von Krankenkassen und Unfallversicherungsträger im Themenfeld:

  • Information und Sensibilisierung (Broschüren, Internet, Video, Vorträge, Seminare etc.), Handlungshilfen und Leitfäden (z.B. für Betriebsärzte)
  • Erfassen und Einschätzung psychischer Belastungen (über Mitarbeiterbefragungen, Gesundheitszirkel, Workshops, etwa mit Führungskräften, Interviews etc.)
  • Beratung (bspw. auf Anfrage, per Telefon, vor Ort im Betrieb, bereits präventiv bei Konflikten im Team, aber auch zu spezifischen Themen wie Burnout, zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement, Notfallpsychologie o.ä.)
  • Coaching (per Telefon und vor Ort)
  • Organisationsentwicklung (z.B. Führungskräftetrainings, Seminare, Gesundheitszirkel)
  • Gesundheitsförderungsangebote (Kurse, Stressmanagement, Kommunikation)
  • Qualifizierung von Ansprechpartnern bei den Krankenkassen und Unfallversicherungsträgern und in den Betrieben (Seminare)
  • Vernetzung und Vermittlung von Ansprechpartnern (auch externen) oder Referenten
  • Normungsarbeit

Es zeigte sich, dass sowohl die Kranken- wie auch die Unfallversicherungsträger vielfältige Schulungsmaßnahmen für betriebliche Vertreter anbieten. Diese beinhalten Ansätze zur Belastungsanalyse, zum Umgang mit Stress oder zu konkreten Symptombildern, vor allem zu Burnout oder zur posttraumatischen Belastungsstörung. Darüber hinaus können Informationsmaterialien und Veröffentlichungen in Fachmagazinen zum Arbeits- bzw. Gesundheitsschutz und auch individuelle Beratungen durch die Experten der Träger angefordert werden.

Auch im Internet stehen zunehmend Informationen zum Thema zur Verfügung. Dazu gehören Tools zur Erhebung der psychischen Belastungen und Ressourcen oder auch ein Online-Coach zum Thema Burnout.

Vertreter der Unfallversicherungsträger sind außerdem an der Beratung zur Überarbeitung der Norm zur psychischen Belastung und Beanspruchung (DIN EN ISO 10075) beteiligt. Unter anderem soll dort die Darstellung zum Belastungs-Beanspruchungsmodell um neue wissenschaftliche Erkenntnisse ergänzt werden und die Gestaltungsgrundsätze an neue Begrifflichkeiten angepasst werden.

In einem zweiten Workshop wurden dann Möglichkeiten diskutiert, wie die Angebote zum Thema psychische Erkrankungen für die Unternehmen weiter verbessert werden können. Ein wichtiger Punkt war dabei der Wunsch, dass vorhandene Maßnahmen stärker bezüglich ihrer Wirksamkeit bewertet werden sollten. Vor diesem Hintergrund wurde nicht zuletzt auch über Kriterien diskutiert, die Unternehmen bei der Auswahl externer Beratungsanbieter unterstützen können.

Mögliche Qualitätskriterien für Employee Assistance Programme (EAP) sind:

  • Expertise, Referenzen des EAP-Anbieters
  • Qualifikation der Berater (Ausbildungsstand; liegen eigene Erfahrung mit psychisch Kranken vor)
  • Umfang des Angebotes, Methodenrepertoire in der Beratung
  • bundesweites versus lokales Angebot
  • Erreichbarkeit der Berater
  • Berücksichtigung der Arbeitsproblematiken und -einflüsse in die Beratung
  • Evaluation/Qualitätssiegel
  • Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber und EAP-Anbieter

Weiterhin wurde angeregt, den Umgang mit psychisch erkrankten Mitarbeitern als einen Teil des Betrieblichen Gesundheitsmanagements aufzufassen und dort stärker zu integrieren. 

Letztlich sollten psychische Erkrankungen aber nicht nur eine Aufgabe der Führungskräfte sein. Auch andere betriebliche Akteure wie Betriebsärzte, Sicherheitsfachkräfte, Arbeitskreis Gesundheit oder der Betriebsrat können wichtige Impulse liefern und die Situation für psychisch erkrankte Mitarbeiter verbessern.

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