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Vorwort

"Ohne Gesundheit können sich Wissen und Kunst nicht entfalten, vermag Stärke nichts auszurichten und Reichtum und Intelligenz liegen brach."
(Herophilos, um 300 v. Chr.)

Fast eine halbe Milliarde Menschen leben in den 27 Ländern, die derzeit zur Europäischen Union gehören. Sie alle möchten gesund und sicher leben. "Bei guter Gesundheit sein" ist der am häufigsten genannte Faktor für Lebensqualität (siehe  Robert Anderson in diesem Buch). Gesundheit ist dabei "ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht die bloße Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen" (WHO, 1946). In den EU-Staaten, aber auch europaweit arbeiten bereits viele Akteure – oftmals schon gut vernetzt – daran, die Gesundheit der EU-Bürger zu erhalten und zu fördern.

Europa steht aber auch vor großen Herausforderungen: die fortschreitende Globalisierung, die Entwicklung hin zur Wissensgesellschaft, der Umbau vieler sozialer Sicherungssysteme in den Nationalstaaten, die alternde Gesellschaft, veränderte Familienstrukturen – um nur einige zu nennen. Dabei ist es oberstes Ziel, bei der Entwicklung des Wirtschaftsraums den sozialen Zusammenhalt zu wahren. Prävention und Gesundheitsförderung bieten ein Innovationspotenzial zur Bewältigung der kommenden Veränderungen. Dieses Potenzial wurde bisher aber bei weitem nicht ausgeschöpft. Die Bedeutung von Prävention und Gesundheitsförderung wird und muss daher wachsen. Langfristig kann nur Vorsorge die Menschen in die Lage versetzen, selbstbestimmt und eigenverantwortlich ihr Leben zu gestalten.

Der BKK Bundesverband, der AOK-Bundesverband und der Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften haben – gemeinsam organisiert in der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga) – die deutsche EU-Ratpräsidentschaft zum Anlass genommen, zur Konferenz „Gesundheit und soziale Sicherheit im Lebenszyklus – Die Rolle von Prävention und Gesundheitsförderung“ einzuladen. In iga verfolgen die gesetzliche Kranken- und Unfallversicherung gemeinsam das Ziel, die Gesundheit im Arbeitsleben zu fördern. Die Initiative versteht sich als Impulsgeber und Partner für Krankenkassen, Berufsgenossenschaften, Unternehmen und andere Akteure in der betrieblichen Prävention. Sie macht vorhandene Methoden und Erkenntnisse für die Praxis nutzbar und entwickelt Präventionsansätze sozialversicherungsübergreifend weiter. iga erarbeitet Lösungen und Impulse zu den Schwerpunkten: Präventionsziele (dazu zwei Beiträge in diesem Buch), Arbeit im Wandel, Gesunde Arbeit, Wirksamkeit von Prävention sowie Vernetzung und Informationsaustausch. In konkreten Projekten werden aktuelle Themen aufgegriffen und neue Methoden ausprobiert. Der Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften bringt dabei sein Know-how zum Arbeits- und Gesundheitsschutz ein, die Bundesverbände der Krankenkassen ihre Ansätze in betrieblicher Gesundheitsförderung und Gesundheitsmanagement. Durch die Zusammenarbeit wird das Expertenwissen der einzelnen Verbände und ihrer Träger – die Berufsgenossenschaften und Krankenkassen – gebündelt.

Die intensive Zusammenarbeit, die Ausdruck einer funktionierenden Koordination und Abstimmung von Präventionsmaßnahmen ist, besteht zum Vorteil von Arbeitnehmern und Unternehmen. Denn die Aktivitäten zielen immer auf die Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten. Ihre Gesundheit und damit ihre Ressourcen und Fähigkeiten sollen gestärkt werden. Weniger Ausfallzeiten durch Unfälle und Erkrankungen, aber auch eine optimierte Arbeitsorganisation unter Einbeziehung der Beschäftigten verbessern die Produktivität der Unternehmen. Prävention und Gesundheitsförderung stärken somit die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.

Auch wenn der Fokus auf die Arbeitswelt gerichtet ist, blickt iga darüber hinaus: Die Krankenkassen haben seit jeher den gesamten Lebenszyklus im Blick. Der Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften und der Bundesverband der Unfallkassen fusionieren noch in 2007 zur Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. Das heißt der neue Dachverband ist auch für Kindergärten, Schulen, Universitäten sowie viele junge und ältere Ehrenamtliche zuständig. Für alle gilt: Gesundheit macht nicht vor dem Werktor oder der Bürotür halt. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollten sich im Job und im Privatleben gesundheitsförderlich verhalten. Einmal in Kindergarten und Schule erlernte Verhaltensweisen werden ins Erwachsenenleben übernommen. Ein gesundheitsbewusstes Verhalten des Einzelnen ist aber nur möglich, wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen darauf ausgerichtet sind und ein gesundes Leben in Kindertageseinrichtungen, Schulen und im Arbeitsalltag gefördert wird.

Die Konferenz am 14. und 15. Juni 2007 in Berlin bietet Politik, Wirtschaft und den Akteuren der sozialen Sicherheit die Möglichkeit zu diskutieren, wie Prävention und Gesundheitsförderung in Europa noch vorausschauender und strategischer eingesetzt werden können. Darüber hinaus wird vorgestellt, wie Prävention und  Gesundheitsförderung erfolgreich in Familie, Ausbildung, Arbeitswelt, Altern und Ruhestand sowie in die unterschiedlichen Bereiche der sozialen Sicherheit integriert werden. Denn erst die Verknüpfung von Prävention und Gesundheitsförderung über alle Lebensabschnitte hinweg sorgt für Effizienz und Nachhaltigkeit entsprechender Investitionen.

Im Mittelpunkt der Konferenz stehen Beispiele erfolgreich erprobter Praxis. Diese Beispiele sollen Entscheidungsträger und Akteure inspirieren und für eine Neuausrichtung ihrer Strategien sensibilisieren. Einige dieser Beispiele – und andere, die darüber hinaus gehen – sind in diesem Buch versammelt.

Einen Überblick zum Thema "Gesundheit und soziale Sicherheit im Lebenszyklus und die Rolle von Prävention und Gesundheitsförderung" bietet der Eingangsartikel von Gregor Breucker, Wolfgang Bödeker, Fritz Bindzius und Gudrun Eberle. Robert Anderson schreibt über die Herausforderungen für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in Europa und die Verbesserung der Lebensqualität und zeigt auf, wie die Bürger in den einzelnen EU-Ländern ihre Lebenssituation und ihre Risiken bewerten. James O’Toole stellt an verschiedenen Beispielen dar, wie der wirtschaftliche Erfolg "gesunden Unternehmen" auch in den USA Recht gibt. Neben Verlagerung der Unternehmen ins Ausland oder Niedriglohn-Jobs bleibt ein dritter Weg: "High Involvement". Matti Ylikoski stellt – insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels – das finnische Konzept zur Förderung und zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit vor. Welche Wege die französische Krankenversicherung in der Prävention beschreitet, legt Martine Gouello dar. Karin Knufmann-Happe beschreibt schließlich in ihrem Beitrag zur deutschen Gesundheitsversorgung die Chancen von Prävention und Gesundheitsförderung und verweist anhand von Beispielen auf den Settingansatz, Querschnittsaufgaben und Vernetzung.

Vernetzung ist insgesamt ein Schwerpunktthema dieses Buches: Mojca Bevc Stankovič schreibt über das Slowenische Netzwerk gesundheitsfördernder Schulen, das seit 1993 besteht. Cornelia Fischer stellt die deutsche Initiative Neue Qualität der Arbeit, eine Gemeinschaftsinitiative aus Bund, Ländern, Sozialpartnern, Sozialversicherungsträgern, Stiftungen und Unternehmen vor. Das Deutsche Netzwerk für Gesundheitsförderung DNBGF – dargestellt im Beitrag von Gregor Breucker, Angela Knoll, Brigitte Jürgens-Scholz und Jürgen Wolters – ist eine offene Plattform für den Informations- und Erfahrungsaustausch aller Interessengruppen und Akteure in Deutschland, die in der betrieblichen Gesundheitsförderung tätig sind. Wie nachhaltige Prävention und Gesundheitsförderung für kleine und mittelständische Unternehmen gestaltet sein muss und welche Rolle auch hier Netzwerke spielen, führen Heinz Kowalski und Michael Drupp aus.

In zwei Artikeln wird auf das Thema Präventionsziele eingegangen. In iga wurde 2005 eine Vorgehensweise erarbeitet, um arbeitsweltbezogene Präventionsziele zu entwickeln. Seitdem kam und kommt die Methode wiederholt zum Einsatz. Gudrun Eberle und Wolfgang Bödeker berichten über den Prozess bei der deutschen Gesetzlichen Krankenversicherung, die sich auf die Reduktion von psychischen Erkrankungen verständigt hat. Frauke Jahn, Annekatrin Wetzstein und Henning Krüger erörtern am Beispiel der Fleischerei-Berufsgenossenschaft einen branchenspezifischen Ansatz.

Einzelne Präventionsthemen bilden den Abschluss des Buches. Fritz Bindzius und Frauke Jahn beschreiben die deutsche Präventionskampagne Haut und den Weg zum nächsten Kampagnenthema. Auch hier wird deutlich, wie wichtig Vernetzung und Zusammenarbeit sind: Fünf Verbände und 120 Kranken- und Unfallversicherungsträger und viele weitere Kooperationspartner arbeiten zusammen an den "wichtigsten 2m² Deines Lebens". Karin Berensson stellt das schwedische Projekt "Gesund Altern" vor und zeigt, wo die Ansatzpunkte liegen. Ein spezielles Thema, das ebenfalls mit dem Altern in Verbindung steht, beleuchtet Clemens Becker: das Vorbeugen von Stürzen. Er beschreibt, wie durch eine gezielte Sturzprophylaxe bei älteren Menschen Lebensqualität erhalten wird und sich vermeidbare Behandlungskosten einsparen lassen.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß und neue, interessante Einblicke und Anregungen bei der Lektüre dieses Buches.

Dr. Hans Jürgen Ahrens, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes

K.-Dieter Voß, Vorstand des BKK Bundesverbandes  

Dr. Walter Eichendorf, Stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften

Die Partner der Kooperation Initiative Gesundheit & Arbeit
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